Who Wants to prick for ever? – Freestyle Libre Erfahrungsbericht

Seit etwas mehr als 2 Wochen trage ich nun das Freestyle Libre System von Abbott. Kaum ein System hat in den letzten Jahren für soviel Wirbel, Spekulationen und Aufregung in der Diabetes Welt gesorgt. Zurecht oder ist der Hype übertrieben???……. Hier mein Erfahrungsbericht.

Für einen Großteil der Aufregung war sicherlich die verlockende Vermutung, es handele sich beim Freestyle Libre um ein kostengünstiges CGMS, verantwortlich. Voreilig wurde das System “CGM für Arme” oder ” Low Budget CGM” genannt. Bevor ich hier von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, möchte ich kurz darauf eingehen warum das Freestyle Libre System kein CGM ist.

Ein CGM System misst die Gluksose im Unterhautfettgewebe und sendet die Werte permanent, in quasi Echtzeit an den Empfänger. Dort werden sie üblicherweise als eine Verlaufskurve visualisiert und dem Nutzer angezeigt. Auch der Trend, also ob die Glukose steigt oder fällt, wird dem Nutzer durch sogenannte Trendpfeile angezeigt.

Beim Flash Glucose Monitoring System läuft die Sache etwas anders. Die Messung der Glukose findet zwar auch im Unterhautfettgewebe statt, aber die gemessenen Werte werden nicht permanent an den Empfänger übertragen, sondern erst einmal im Sensor (für max.8 Stunden) zwischengespeichert. Die Übertragung an den Empfänger erfolgt erst, wenn der Nutzer sie anfordert. Dieses passiert beim Freestyle Libre indem man mit dem Empfänger über den Sensor streicht. Ein Vorgang der ähnlich anmutet wie das Scannen von Barcodes an der Supermarkt Kasse. Hier kommt die NFC Technologie zum Einsatz, die eine drahtlose Übertragung ohne eine permanente Funkverbindung (z.B. Bluetooth etc.) zwischen Sensor und Lesegerät ermöglicht. Am Lesegerät wird dem Nutzer dann der zuletzt gemessene Wert inklusive Trendpfeilen angezeigt, so wie die Glukose Verlaufskurve der letzten Stunden.

Angesichts dieses Hintergrundes wird auch klar, warum ein CGM beim Über- oder Unterschreiten eines Grenzwertes einen Alarm (Hypo / Hyperalarm) abgeben kann. Das Flash Glucose Monitoring System kann dieses wegen der fehlenden permanenten Verbindung zwischen Sensor und Empfänger nicht. Abgesehen von dieser Einschränkung erhält der Nutzer aber eine ähnliche Datenbasis zur Analyse und Therapie Anpassung wie bei einem CGM.

Meine Erfahrungen mit dem Freestyle Libre

 

Der Sensor und das Setzen

Bevor man mit dem System loslegen kann, muss natürlich erst einmal der Sensor gesetzt werden. Der Sensor sitzt in einem flachen rundem Kunststoffgehäuse und ist etwas grösser als ein 2 Euro Stück. Das Setzen des Sensors erfolgt mit Hilfe einer Setzhilfe. Diese legt man am Oberarm an und drückt einmal beherzt auf den oberen Knauf und zack, das war es schon. Der Sensor sitzt und ich habe nicht den Hauch eines Stiches oder ähnlichem gespürt. Und das war auch schon der erste Moment an dem ich dachte ” wie cool ist das denn? ” Alles ist mühelos mit einer Hand zu bewerkstelligen. Vom Dexcom CGM System war ich eine wesentlich umständlichere Prozedur zum Setzen des Senosrs gewohnt, die einiges an Übung benötigt. Der Freestyle Libre Sensor wird mit einem Pflaster auf der Haut fixiert, welches an der Unterseite des Sensors befestigt ist und ein wenig über den Sensor hinaus ragt. Vom Dexcom Sensor wusste ich, dass sich dessen Pflaster nach ein paar Tagen anfängt abzulösen und aufzurollen, so dass man ihn mit zusätzlichen Pflastern fixieren musste. Beim Dexcom Sensor geht das recht einfach, da das Original Pflaster weit über den Sensor hinausragt. Somit ist nachträgliches fixieren mit einem zugeschnittenen Pflaster hier kein Problem. Beim Freestyle Libre könnte das etwas schwieriger werden, da das Originalpflaster nur wenige Millimeter über den Rand des Sensors hinausragt. Aber erst einmal abwarten, ob das überhaupt nötig sein würde, dachte ich mir nach dem der Sensor gesetzt war. Die Sensoren des Freestyle Libre Systems haben eine Lebensdauer von 2 Wochen und so lange müsste ein Pflaster doch eigentlich durchhalten.

Aktivierung des Sensors und Einstellung des Lesegerätes

Nachdem der Sensor nun also sitzt wo er soll muss er noch gestertet werden. Das geschieht mit Hilfe des Lesergerätes, welches den Nutzer nach dem ersten Einschalten auch gleich dazu auffordert. Hierzu streicht man mit dem Lesergerät über den Sensor. Danach erscheint im Display der Hinweis, dass der Sensor in 60 Minuten benutzt werden kann. Ich habe die Zeit dafür genutzt, mich mit dem Lesegerät vertraut zu machen und alle möglichen Einstellungen vorzunehmen. Datum, Uhrzeit, Glukose Zielbereich fertig. Alle Eingaben erfolgen über das Touchdisplay des Lesegerätes, das zwar nicht mit dem Display einer Iphones vergleichbar ist, aber sich dennoch gut bedienen lässt.

Flashed by the very first time – Diabetes geblitzdingst (M.I.B)

Nachdem die schier endlos erscheinende Stunde vorbei war, ging es nun endlich los. Der erste Glukose-Test mit dem Freestyle Libre stand kurz bevor. Ich schaltete das Lesegerät ein und wurde mit der Anweisung ” Glukose testen – Scannen Sie den Sensor für einen Glukosetest” begrüsst. Und genau das tat ich dann auch. Ich hatte das Lesegerät kaum über den Sensor geführt, schon gab es einen kurzen Bestätigungston von sich und der gemessenene Wert stand in großen, gut lesbaren Ziffern auf dem Display. Das war so ziemlich die schnellste Glukosemessung die ich bisher durchgeführt habe. Einschalten – Scannen – Fertig. Das Leben kann weiter gehen.
Wenn ich mir überlege wie ich bisher meinen Blutzucker gemessen haben, kommt mir das schon fast absurd vor.
Messutensilien rauskramen und auspacken, Teststreifen aus der Dose fummeln und ins Messgerät einführen, mit der Stechhilfe in den Finger pieksen, Bluttropfen auf den Testreifen auftragen, warten bis der Wert angezeigt wird, alles wieder einpacken. Obwohl ich mittlerweile recht schnell und routiniert  darin bin, benötigt diese Prozdeur einfach ihre Zeit. Und das mehrmals am Tag in den unterschiedlichsten Situationen. Denn wie wir alle wissen geht uns unser nerviger Begleiter am liebsten dann auf den Nerv, wenn wir es gerade so überhaupt nicht gebrauchen können.
Mit dem Freestyle Libre geht das alles völlig locker und schnell von der Hand, tut nicht weh und macht sogar Spass.
Ich erwischte mich in den letzten Wochen des Öfteren dabei wie ich einfach nur mal so eine Messung machte. Und zwar einfach nur weil ich es kann . Auf diesen Gedanken wäre ich früher nie gekommen. Eine Blutzuckermessung inklusive Stich in den Finger nur so aus Spass ?? Und dafür dann auch noch  einen Testreifen verballern ?? No Way!
Vor allem zu beobachten wie sich die Trendpfeile in verschiedenen Situationen verhielten, fand ich super spannend.
In den vergangenen Tagen hab ich mit dem System so ziemlich alles angestellt was in meinem Leben halt so passiert.
Arbeit, Sport,Reisen,Feiern…etc. Sowohl in Standard Situationen aber auch in Situationen in denen ich sonst, weil es ja immer so hübsch umständlich war, wahrscheinlich nicht gemessen hätte. Und genau das ist für mich auch der riesige Vorteil des Freestyle Libre gegenüber der herkömmlichen Blutzuckermessung. Noch dazu bekommt man eine Glukoseverlaufs Kurve die detailliert anzeigt was der werte Herr Diabetes denn die letzten Stunden so getrieben hat.
So kann ich z.B meine nächtliche Basalrate überprüfen und ggf. Anpassungen vornehmen. Hierbei sei vielleicht noch kurz erwähnt das der Sensor die gemessenen Daten für max. 8 Stunden speichert. Mit anderen Worten, um einen kontinuierlichen Tagesverlauf der Glukose zu erhalten, muss man also mindestens einmal alle 8 Stunden einen Wert scannen. Scannt man z.B erst nach 10 Stunden entsteht eine Datenlücke von 2 Stunden da dann der Sensor die ältesten Daten löscht. Alle Daten können über eine Software auf den heimischen Mac oder PC übertragen werden und dort in unterschiedlichen Reports dargestellt oder ausgedruckt werden. Einen Test der Software wird es in Kürze hier zu lesen geben.

Zur Messgenauigkeit

Die Werte die mir das Libre System anzeigte, stimmten grösstenteils mit den Werten meines Blutzuckerwertes überein. Hin und wieder gab es kleinere Abweichungen vom max. +/- 20 mg/dl. Der Hersteller Abbott empfiehlt bei stark steigenden oder stark fallenden Werten, diese mit einer herkömmlichen Testreifen Messung zu überprüfen. Praktischer Weise ist im Lesegerät ein Blutzuckermessgerät integriert, welches auch in der Lage ist Ketone zu messen. Auch während der ersten 24 Stunden nach Aktivierung eines neuen Sensors, sollte man den Glukosewert häufiger mit einer Blutzuckermessung gegen checken, da der Sensor eine gewisse Zeit benötig um sich im Gewebe zu setzten. Ausserdem sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass das Libre System die Glukose im Unterhautfettgewebe misst und nicht im Blut .Daher hinken die mit dem Frestyle Libre gemessenen Werte den Blutzuckerwerten um ca. 5 Minuten hinterher.

Hält das Pflaster ??

Während der gesamten 14 Tage, hatte ich für meinen Teil keine Probleme mit der Fixierung des Sensors. Das Pflaster saß bombenfest. Auch Duschen,schwimmen, oder schwitzen beim Sport konnten daran nicht´s ändern. Ich hatte den ersten Sensor, nach dem er abgelaufen war, sogar ein paar Tage länger kleben gelassen, um zu sehen wie lange das Pflaster hält. Auch nach 18 Tagen saß der Sensor noch sicher auf meinem Oberarm und ich musste schon beherzt am Sensor ziehen, um ihn samt Pflaster entfernen zu können. Wie gut oder schlecht das Pflaster hält scheint aber vom Hauttyp abzuhängen, denn ich weiss von Ilka und Tine, dass es sich bei ihnen schon recht schnell löste. An der Stelle an der zuvor der Sensor saß konnte ich keine Veränderungen der Haut feststellen. Lediglich die Einstichstelle der Kanüle war leicht gerötet, was ich aber auf die von mir eigenwillig verlängerte Trage- Dauer zurück führe.

Mein Fazit

Ich bin nach den ersten Wochen mit dem Freestyle Libre ein Fan geworden. Zugegebener Massen verwöhnt von Dexcom CGM System, stand ich dem Flash Glucose Monitoring System zuerst recht skeptisch gegenüber. Das Einzige was ich hin und wieder vermisse, sind die fehlenden Alarme (siehe oben) und die Tatsache, dass ich das System nicht wie das Dexcom mit meiner Animas Vibe Pumpe koppeln kann. Also hab ich ein Gerät mehr, das ich mit mir herum schleppe. Aber dafür kann ich ja jetzt mein altes Blutzuckermessgerät zu Hause lassen. Und wer weiß, vielleicht ist es ja in Zukunft auch möglich den Sensor mit einem Smartphone auszulesen. Die hier eingesetzte NFC Technik ist ja bei vielen Smartphones schon standardmässig mit an Bord. Aber das ist Zukunftsmusik…..
Im Hier und Jetzt freue ich mich darüber, dass es Abbott gelungen ist ein Gerät zu entwickeln, das den Diabetiker Alltag signifikant vereinfacht und nicht nur ein weiteres Messegerät unter tausend anderen ist. Ich empfinde es, als wurde mir ein Stück Freiheit zurückgegeben, allein durch die Tatsache, dass die Glukosemessung um so vieles einfacher und schmerzfreier geworden ist. Das Glukosemessen wird durch das Freestyle Libre System fast schon zur Nebensache degradiert. Wieder ein wenig Raum den ich dem Diabetes abgerungen habe…… That´s the way i like it !!!

Weitere Details zum Freestyle Libre findest Du in meinem letzten Artikel oder bei Abbott direkt.
Falls Du noch Fragen hast oder etwas ganz genau wissen musst, schreibe es mir doch einfach in die Kommentare und ich versuche es Dir zu beantworten.

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