Laufen – Powered by Insulin

Im Hinblick auf meine Teilnahme beim Lauf zwischen den Meeren macht es Sinn sich noch einmal den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Insulinbedarf zu verdeutlichen.

 


Nach meiner Diagnose im Jahr 2008 habe ich mich die erste Zeit, was den Sport angeht, sehr zurück gehalten.  Ich war auch vorher nicht gerade das was man eine Sportskanone nennt. Glücklicher Weise gehöre ich nicht zu den Personen die zu Übergewicht neigen. Von daher stand für mich beim  Thema Sport eher der Fun Faktor im Vordergrund als der Wunsch ein paar Kilos los zu werden. So lange mir der Sport Spass machte ich Sport. Und wenn nicht ? Dann eben nicht ?? Irgendwann vor ein paar Jahren entdeckte ich das laufen für mich. Ich weiss bis heute nicht welcher Teufel mich damals geritten hat damit anzufangen denn bis dato war mir alles was mit laufen, rennen,spurten etc. zu tun hatte ein absolutes Gräuel. Jedes Lauftraining im Sportverein habe ich mit Inbrunst gehasst. Wie auch immer, fand ich mich nun regelmässig laufend in den Wäldern meiner Bergischen Heimat wieder und hatte sogar Spass daran. Ipod auf die Ohren und los. Ich bin dann mal weg. Das ganze gipfelte dann im August 2007 in der Teilnahme an einem Marathon. Ok, angemeldet hatte ich mich für einen 12 Kilometer Lauf. Da ich aber zu spät am Start war und meine Gruppe schon gestartet war, bin ich dann kurzerhand bei der Gruppe für den Halbmarathon (ca. 22 KM) mitgelaufen. Und das gar nicht mal so schlecht wie ich finde, denn ich war nur eine knappe Minute langsamer als ein Kumpel der das vergangene Jahr nur für diesen lauf trainiert hatte. Es wurde zwar nicht offiziell gewertet aber für mich wars ein sportliches Highlight.

Nachdem ich im Jahre 2008 den ersten Schock durch meine erfolgreiche Qualifizierung zum Typ1 Diabetiker verdaut hatte, war ich nun hochmotiviert der Diabetes Bitch den Kampf anzusagen. Frei nach dem Motto: Selbstbewusstes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit. Noch bevor ich die von meinem Arzt verordnete zweiwöchige Diabetes Schulung für Typ 1 Diabetiker abgeschlossen hatte, fing ich wieder an zu laufen. Es waren zum Glück nur kleine Runden um die nahe gelegene Talsperre. Zum Glück ??? Ja zum Glück, denn wie sich später heraus stellen sollte wäre ich damals beinahe aus Unwissenheit in eine Diabetes Falle getappt..

Sport ist gut für Diabetiker

Diese Aussage wird dem frisch gebackenen Diabetiker ja gerne um die Ohren gehauen. Gerne auch mit belehrenden Unterton:

” Mit Diabetes kann man doch heut zu Tage gut leben. Einfach ein bisschen auf die Ernährung achten und viel Sport treiben.”

Erstaunlicher Weise werden solche Floskeln gern von Leuten bemüht, die es zwar gut meinen, aber leider nur ein gefährliches Halbwissen zum Thema haben und teilweise nicht mal den Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2 Diabetes kennen. Oder aber selber mit Sport so überhaupt keinen Vertrag haben. Natürlich hatte ich erstmal im Netz nach “Sport mit Diabetes” gegoogelt. Und fand auch einen wahren Wust an Webseiten die alle ein Loblied auf die positive Wirkung von Sport auf den Diabetes sangen. Ich hatte nur eine winzige Kleinigkeit übersehen.

Eine Frage des Typs

Die Infos die ich damals zusammen gesammelt hatte bezogen sich fast alle auf den Typ 2 Diabetes.  Typ 2 Diabetikern wird  fast uneingeschränkt zu mehr Bewegung  oder Sport geraten.(Es sei denn es liegen bereits Folgeerkrankungen vor). Hier steht hauptsächlich die Gewichtsreduktion im Vordergrund. Aber nicht nur. Denn körperliche Aktivität wirkt sich hier positiv auf den Zuckerhaushalt aus. Durch den Sport wird  die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen erhöht. In der Regel produziert die Bauchspeicheldrüse eines Typ 2 Diabetikers ja noch Insulin. Es kann nur  vom Körper nicht mehr richtig verarbeitet werden. Stichwort: Insulin Resistenz. Durch die mittels Sport gesteigerte Insulinempfindlichkeit kann nun einfacher Glukose aus dem Blutkreislauf in die Körperzellen gelangen und der Blutzuckerspiegel gesenkt werden.

Beim Typ 1 Diabetes ist die Sache leider nicht ganz so einfach.
Bei körperlicher Belastung benötigen die Muskeln mehr Energie als sonst. Es erscheint also logisch das auch mehr Insulin benötigt wird um diese Energie in Form von Glukose in die Zellen zu transportieren. Klingt logisch oder ?
Ja, klingt logisch aber das Gegenteil ist der Fall.
Der Körper eines gesunden Menschen regelt bei körperlicher Belastung automatisch die Insulinausschüttung herunter und setzt  gespeicherte Zuckerreserven (Glykogen) frei. Mit anderen Worten bedeutet das, die benötigte Energie wird nun nicht mehr primär aus der Glukose im Blut gewonnen, sondern aus den Zuckerspeichern abgerufen. Diese automatische Insulineinsparung bei Belastung findet beim Typ 1 Diabetiker nicht statt. Wie auch?? Denn ein Typ 1 Diabetiker führt seinem Körper das benötigte Insulin ja per Pen oder Insulinpumpe von aussen (!) zu. Der Körper als geschlossenes System hat also keine Möglichkeit darauf Einfluss zu nehmen. Als Typ 1 Diabetiker ist man für diese Insulinreduktion also selbst verantwortlich. Na super, als hätte man nicht schon genug zu beachten. 🙂  Lässt man das ausser Acht und rennt wie ich damals einfach drauf los, hat man gute Chancen in eine ausgewachsene Unterzuckerung zu laufen. Und ich kann aus eigener Erfahrung berichten, eine Hypo irgendwo in der Pampa und fern von Kohlenhydraten ist kein Spass.

Sport ist eine Herausforderung. Für Typ 1 Diabetiker sind es zwei !

Als wäre Sport nicht schon eine Herausforderung an sich, kommt für den Typ 1Diabetiker noch eine weitere hinzu. Es gilt heraus zu finden um welchen Betrag man seine Insulin Dosis reduzieren sollte.
Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle.

  • Der Zeitpunkt zu dem das Training stattfindet.
    Je nach Tageszeit sollte man die Wirkung von schon gespritzten Insulin mit einkalkulieren. Zum Beispiel ob evtl. noch Bolus Insulin der vorhergehenden Mahlzeit wirkt. Oder ob die Insulinwirkung des Basalinsulin aus läuft. Ein Insulinmangel sollte unbedingt vermieden werden. Denn wenn zu wenig oder kein Insulin im Blut ist, führt Muskelarbeit zu einem Anstieg des Blutzuckers und der Gefahr einer Ketoazidose.
  • Die Art und Intensität der Belastung
    Eine vierstündige gemütliche Radtour ist weitaus weniger anstrengend als eine Stunde Power Spinning im Fitness Studio. Es macht also Sinn sich über Art und Dauer der Belastung Gedanken zu machen.
  • Die persönliche Fitness
    Untrainierte Diabeteiker geraten auf Grund der geringeren Glykogenspeicher (Zuckerreserven) schneller in eine Unterzuckerung. Alltägliche körperliche Anstrengungen wie Einkaufen, Treppen steigen etc. sollten mit ins Kalkül gezogen werden.
  • Der Blutzuckerwert vor dem Sport
    Auch der Blutzucker Wert vor dem Sport sollte hoch genug sein. Unter Umständen macht es Sinn vorher noch ein paar Zusatz BE´s zu futtern. Je nach geplanter Belastung.

Schaut man sich die aufgeführten Punkte an, sollte schnell klar werden dass es kein Patentrezept gibt das auf jeden Diabetiker passt. Man kommt also nicht darum herum seine eigenen Erfahrungen zu sammeln und sich nach dem trial & error Prinzip an die persönliche optimale Vorgehensweise ran zu tasten. Also wie immer gilt: Blutzuckerwerte messen und zwar vor, während und nach dem Sport.
Und genau das werde ich die nächsten Wochen verschärft tun. Denn der Lauf zwischen den Meeren rückt immer näher.

Ich werde berichten 🙂

 

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